Eignung der Lebensräume

Störlarve nach dem SchlupfNeben dem Aufbau Elterntierbestandes und der  Etablierung einer sicheren Aufzuchtmethodik war die Existenz von geeigneten Laich- und Aufwuchsgebieten eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau von sich selbst erhaltenden Beständen der Störe.
Die Vermehrung und die frühen Lebensstadien sind die empfindlichsten Abschnitte des Lebenszyklus. Aufgrund dieser Empfindlichkeit gegenüber Strukturarmut, Verschmutzung, Umweltgiften und Fraßdruck liegt in diesen Lebensphasen der Schlüssel zum Erfolg der Bestandsbildung. Die Sterblichkeit im ersten Jahr hat entscheidenden Einfluss auf die Größe der Bestände.
Störwanderung im OdergebietDas Odersystem wurde als Modellhabitat ausgewählt, weil es ein wichtiges Reproduktionsgebiet des Baltischen Störs war und im Gegensatz zu vielen anderen ehemaligen Störflüssen auch heute noch eine Reihe von naturnahen und zugänglichen Abschnitten aufweist. Hier wurden seit 1997 anhand historischer Belege und aktueller Karten und Daten zu Wasserqualität, Sedimentbeschaffenheit und Durchgängigkeit ein Abgleich mit einem Kriterienkatalog hinsichtlich der Anforderungen von A. oxyrinchus an die Habitatbedingungen durchgeführt.
Bei potentieller Eignung wurden die ausgewählten Gewässerabschnitte vor Ort u.a. durch Substratuntersuchungen und Videokartierung untersucht.

Beispiel der Habiitatkartierung an der Drawa

Projekthintergrund

Über viele Jahrhunderte hat der Mensch die natürliche Umwelt ausschließlich als Ressource für seine Entwicklung angesehen und sie dementsprechend ausgebeutet. Das mangelnde Verständnis der genutzten Systeme hat auch zum Rückgang oder zum Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten geführt. In den letzten Jahrzehnten gab es aber immer mehr Stimmen, die sich gegen eine Fortführung dieses Weges gewandt und einen kritischen und bewussten Umgang mit unserer Umwelt gefordert haben. Dies hat sich mittlerweile in vielen nationalen und internationalen Resolutionen, Konventionen und Gesetzen aber auch in vielfältigen konkreten Bemühungen, gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten zu erhalten oder wieder einzubürgern, niedergeschlagen.

Lebenszyklus des Störs unter natürlichen Bedingungenewässerverbauung - Eignung für den Stör weitgehend unbekanntDie Störe haben aufgrund ihrer langen Generationsdauer und der vielfältigen Ansprüche an die genutzten Lebensräume früh auf die Veränderungen ihrer Lebensbedingungen reagiert. In unseren Flüssen und Küstengewässern waren sie die ersten Arten, deren Bestände infolge der Veränderungen zurückgingen.
Weltweit sind heute fast alle bekannten 27 Störarten hochgradig gefährdet. Dies führte 1997 zur Listung auch der bisher nicht aufgeführten Arten im Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens
Die Umkehr der Entwicklung der letzten Jahrzehnte erscheint heute, durch die Verbesserung der Wasserqualität und die Versuche einer Entwicklung hin zu nachhaltigem Wirtschaften, durchaus möglich. Sie erfordert viele Mühen und Kompromisse, aber sie kann dazu führen, die ehemals bei uns heimischen und auch sozio-ökonomisch wichtigen Störarten wieder in ihren angestammten Verbreitungsgebieten anzusiedeln.

 

Die GRS betrachtet es als vordringliches Ziel, dieses lebende Fossil auch für unsere Kinder und Kindeskinder erhalten. Durch die Nutzung der vielfältigen Lebensräume in Fluss und Meer ist der Stör prädestiniert, als Schirmart für andere, weniger prominente Tierarten zu dienen. Viele dieser typischen Flussfischarten haben dramatisch auf die Umweltveränderungen reagiert. Aber der Stör kann helfen, auch ihnen den Weg in ihre angestammten Lebensräume zu ebnen.


Das Vorhaben wird im Rahmen verschiedener Projekte seit 1996 durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMUB) gefördert und aktiv begleitet. Das BMU hat das Störprojekt 2008 zu einem der Leuchtturmprojekte zum Erhalt der biologischen Vielfalt erklärt. Unterstützt wird das Vorhaben zudem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Länder Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein.

Genetische Bestimmung der Eignung einer Art für den Besatz in deutschen Flüssen

Aufgrund der Anpassung von Arten an ihren jeweiligen Lebensraum müssen Tiere, die ausgewildert werden, sich auch für diesen Lebensraum „eignen“.
Da Acipenser sturio historisch sehr verschiedene, geographisch getrennte Populationen einschloss, von denen einige auch als eigene Arten interpretiert werden, war die genetische Analyse und Beschreibung dieser Populationen anhand von Museumsproben und rezentem Material eine wichtige Voraussetzung des Vorhabens.
Hierdurch sollten Entscheidungshilfen für die Auswahl des geeigneten Besatzmaterials gewonnen werden.

Genetische Identifikation von Stören im Bereich des Nordatlantik und der Ostsee Die genetischen Untersuchungen haben gezeigt, dass die letzten noch lebenden A. sturio aus der Gironde genetisch praktisch identisch mit den Fischen aus der Nordsee sind. Für die Elbe und den Rhein ist daher der Besatz mit dem Nachwuchs der am IGB befindlichen europäischen Atlantischen Störs A. sturio aus der Gironde eine optimale Möglichkeit.
Die ehemals in der Ostsee vorkommenden Störe unterscheiden sich genetisch wie auch morphologisch von denen der Nordsee. Sie sind die Nachfahren des vor ca. 1000 Jahren eingewanderten Amerikanischen Atlantischen Störs (Acipenser oxyrinchus).
Ein Besatz von A. oxyrinchus in die Nordseezuflüsse erfüllt den Tatbestand der Einschleppung faunenfremder Elemente und ist strafbar!

Verbreitung in Nordeuropa

Verbreitung des Europäischen Störs bis 800 ADaktuelle Verbreitung es Europäischen StörsStöre waren historisch in allen größeren Zuflüssen der Nord- und Ostsee heimisch.
In Deutschland kam der Europäische Stör (A. sturio) nach 800 A.D. nur noch in der Nordsee und ihren Zuflüssen vor. Sein Vorkommen nahm mit der Entfernung zum Meer ab. So wanderte der Stör in der Elbe in großen Stückzahlen bis Magdeburg, dagegen kam er im tschechischen Elbabschnitt und in der Moldau nur selten vor. Im Rhein wanderte der Stör regulär bis in die Mosel, war aber im Oberrhein sowie im Main nur selten anzutreffen. Die Tiere der Populationen in Ems, Weser und Eider zogen zum Laichen bis zu 200 km stromaufwärts.
Die Störbestände in der Ostsee wurden nach 800 A.D. fast ausschließlich durch den eingewanderten Amerikanisch-Atlantischen Stör gebildet. Die Tiere laichten in den südlichen Zuflüssen wie Oder, Weichsel, Pregel, Memel und Neva. Während der marinen Phase nutzen die Tiere vornehmlich die südlichen Küsten der Ostsee. Aus dem Ladoga- und Odega See sind Bestände beschrieben, die die Seen nicht verlassen haben sollen und direkt in deren südlichen Zuflüssen gelaicht haben.

Historisches Vorkommen

Der Europäische Stör (Acipenser sturio) kam historisch in fast allen größeren Flüssen und den Küstengewässern Westeuropas, im Schwarzen Meer, im Mittelmeer einschließlich der Adria und des Tyrrhenischen Meeres, entlang der Atlantikküste von Portugal bis zur skandinavischen Halbinsel sowie in der Nordsee mit ihren Hauptzuflüssen vor. Einzelne Tiere wurden entlang der isländischen Küste und des Weißen Meeres sowie an der Atlantik- und Mittelmeerküste Nordafrikas nachgewiesen. Unter allen europäischen Störarten hatte A. sturio das größte Verbreitungsgebiet.

Historische Verbreitung des A.sturio (blau) und des A. oxyrinchus (schraffiert) in Europa

Die Verbreitung des Europäischen Störs umfasste spätestens seit dem 12. Jahrhundert nicht mehr die Ostsee und ihre Zuflüsse. Hier wurde seit 300 v. Chr. A. oxyrinchus nachgewiesen. Aufgrund neuerer Untersuchungen wurden auch in Loire, Gironde und Adour in Südwestfrankreich sowie in Großbritannien A. oxyrinchus teilweise schon zwischen 3000 und 1000 v. Chr. nachgewiesen. Ob die Art in diesen Regionen bestandsbildend war, ist derzeit noch nicht geklärt.